TMS - Kultur-Verlag > Autoren > Dimitrios Diamantidis > A E V U M ? - Ein Disput (Theaterstück)

A E V U M ? - Ein Disput (Theaterstück)

von Dimitrios Diamantidis
Aevum?

Für die lateinischen Begriffe aevum, aeternitas und sempiternitas existiert im Deutschen nur eine Entsprechung: Ewigkeit.
Diese Verengung auf einen Begriff ist der verwirrende Knoten, den es in diesem Einakter zu lösen gilt. Ewigkeit, Uhr, Jahr, Krieger, Forscher, Prediger und Philosoph sind die Kräfte im Stück, deren Disput über die Ewigkeit letztlich die Frage nach Gott und seinem Wirken stellt.

  • Ewigkeit
    Zu Beginn erleben wir den Monolog einer überheblichen jedoch auch über die Maßen verunsicherten Ewigkeit, die am Sinn ihrer Existenz und an der Richtigkeit der widersprüchlichen Thesen zweifelt, die sie definieren. Hin und hergerissen zwischen majestätischer Langeweile und Sehnsucht nach dem raschen Ende ("Alles für ein Aufrauschen, für ein letztes mächtiges Zerglühn"), erwartet sie den Disput, der die für sie existentielle Frage ein für allemal klären soll, wappnet sich, mit einer womöglich harten Wahrheit konfrontiert zu werden.
  • Krieger
    Der Krieger sieht in der Ewigkeit nur den Lohn für seinen Heldentod, den Ansporn für das von ihm bewunderte Sterben auf dem Schlachtfeld. Doch auch ihn beherrschen Unsicherheit und Furcht, sein Fallen könne am Ende sinnlos sein, was ihm die Ewigkeit schroff bestätigt ("Und wenn alle Gräber sich aufrissen...").
  • Forscher
    Der Forscher giert nach ewigem Leben, und um dies zu vollbringen, den Tod zu besiegen, ("diese äußerste Tat"), ist ihm jedes Mittel recht. Ihm entgegnet die Ewigkeit, dass sie nach beiden Richtungen hin unendlich sei und Unsterblichkeit nur ein Teil von ihr.
  • Uhr
    Das Sehnen der Uhr gilt der Ewigkeit, von der sie meint, sie nähere sich ihr mit jedem Schlag. Dabei spürt sie das Joch, unter dem sie sich stetig im Kreis bewegt; erst im weiteren Verlauf des Disputes ahnt sie die Macht, die ihr innewohnt, träumt davon, den Takt der Zeit selbst zu bestimmen ("schlüg ich die neue Metrik...spielt ich Zukunft vor Vergangenheit").
  • Prediger
    Der Prediger definiert die Ewigkeit ausschließlich als Prädikat Gottes. Er hält der Ewigkeit vor, dass Gott, die Seelen und die Hölle ewig seien, doch die von der aristotelisch/platonischen Wissenschaft als zeitlos definierte Ewigkeit pariert diese Stöße eben mit dem Gedanken der Zeit, die sowohl Gott anhafte (er schuf die Erde in sechs Tagen), den Seelen (sie harren im Fegefeuer) und der Hölle (sie hat einen Anfangspunkt).
  • Jahr
    Das Jahr entwickelt sich im Laufe des Disputes von kosmischer Harmonie und dem Wissen, dass alles vorherbestimmt ist („Jedes Stäubchen fliegt im Wind, der ihm vorherbestimmt") hin zu Schuldgefühlen, zur Vergänglichkeit des Lebens beizutragen ("Was, wenn nicht Henkershelfer bin ich"), sieht das Inferno voraus ("...seh zu aus heitrer Ferne, wie die Gifte ziehn zu Tal").
  • Philosoph
    Gefestigt und sich selbst immer sicherer, erwartet die Ewigkeit amüsiert die Ausführungen des Philosophen und spöttelt, wie jenem wohl das Unmögliche gelingen könne, die theologische und die konträr dazu stehende wissenschaftliche Definition der Ewigkeit zu vereinen. Mit einer einzigen Geste demaskiert der Philosoph die Ewigkeit als Sehnsucht des Menschen nach dem Unvergänglich und vereint die antipodisch streitenden Theorien durch die Definition des Nie ("Hat Nie Anfang, hat Nie Ende?").
Zur Entstehung

Aevum? ist nicht in unabhängigen Einheiten entstanden, sondern entfaltete sich fließend innerhalb kurzer Drangperioden schlagartig, rauschhaft, ungebärdet. Dem Stoff liegen keine konkreten Geschehnisse zugrunde, keine benennbaren Erlebnisse, nichts Gesehenes.

Aevum? stellt die Frage nach Gott und seiner Definition. Begonnen auf Thassos im August 1991 sind innerhalb weniger Tage die Auftritte des Kriegers, Forschers und Teile des Predigers vollendet. Hier wäre die Arbeit versandet, hätte nicht die Klärung der Begriffe aeternitas, aevum und sempiternitas einen bis dahin zwar sprachlich kraftvollen aber inhaltlich ungestrafften Stoff den entscheidenden Stoss in die einzig gangbare Richtung gegeben: den Gelehrtenstreit um die Deutung der Ewigkeit.

Unter Ausrichtung dieses Disputes als zentrale Kraft erfolgte die rückwirkende Korrektur aller Teile im Laufe des Novembers 1991, speziell die Überarbeitung des Ewigkeitsmonologes eingangs des Stückes und die Fertigstellung des Predigers. Mit der Ausarbeitung des Philosophen war die Erstfassung am 2. März 1992 abgeschlossen.

Die Wahl, den Stoff als Bühnenstück zu formen, entstand wohl unter Einfluß von Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür, die metrische Gestaltung ist womöglich angeregt durch Heinrich von Kleists Dramen, die Verlagerung des Streits ins Nie könnte zurückgehen auf eine Textstelle in Robert Musils 3 Frauen: „...das ist etwas, das da ist, einzig und allein und ewig da ist, und deshalb gleichsam nicht da ist...", wobei solchen Strömungen keine Gewähr beigemessen werden muß.

Zurück